Der engen Angst bange Frage nach der Weite

Es wird allen, die an Literolongophobie (= Angst vor überlangen Blogbeiträgen) oder einer Allergie gegen die exzessive Anwendung des Plusquamperfekts leiden, dringend empfohlen, diesen Text zu ignorieren.
Das Gesundheitsamt, Hamburg-Nord

*

„Haben Sie Angst in engen Räumen?“, war sie von der netten Arzthelferin gefragt worden und  wahrheitsgemäß hatte sie mit einem freundlichen „Nein“ geantwortet. Jetzt saß Marie schon seit einer halben Stunde im Wartezimmer einer radiologischen Praxis, wo sie wegen eines vermutlichen Bandscheibenproblems in die „Röhre“ sollte, in den sogenannten Magnetresonanztomographen, welcher Auskunft darüber geben sollte, ob die Strukturen rund um ihre Wirbelsäule noch an einem sinnvollen Zusammenspiel interessiert waren oder begonnen hatten, ihre eigenen Wege zu gehen. Und in dieser Röhre war es eben eng. Und laut. Davon hatte sie am Vorabend noch viel im Internet gelesen – einschließlich der Horrorgeschichten, die sich über einem solchen Thema scheinbar naturgemäß sammeln – sich aber von all den aufgeregten Berichten nicht beunruhigen lassen, denn sie war sich sicher, dass sie keine Angst haben werde.

Den engen, angstmachenden Raum hatte sie lange schon – man könnte sagen: durchschaut. Fünfundzwanzig Jahre lag es jetzt zurück, dass sie nach einer für sie sehr schwierigen Zeit, als gerade alle Dinge wieder einigermaßen ins Lot gebracht waren, in aller Ausführlichkeit das kennengelernt hatte, was man seltsamerweise „Platzangst“ nannte, also die Angst, die sich in beengenden Situationen einstellen konnte: in Aufzügen, im Kino, im Konzert, im Flugzeug oder – Marie schmunzelte – natürlich auch in solch einer Röhre, die sie heute erwartete.

Einmal war sie damals mitten im Elbtunnel mit ihrem Wagen in einen Stau geraten und hatte anhalten müssen. Aus ihrer Angst war Panik geworden und sie hatte sich gefühlt, als werde sie gleich den Verstand verlieren. Ausgerechnet in dieser Situation war ihr eine Stelle aus einem Buch des Meisters der Psycho-Horror-Literatur, Stephen King, eingefallen: als nämlich in „The Green Mile“ der unschuldig zum Tode verurteilte sanftmütige „Coffey“ während seines letzten Ganges zum Ort seiner Hinrichtung auf die Knie geht und zu dem betet, von dem er die Kraft für seine Sanftmut und seine heilenden Fähigkeiten empfing. Und Marie hatte dieses Gebet, obgleich sie die religiöse Tradition des Betens schon in ihrer Kindheit hinter sich gelassen zu haben glaubte, so, wie sie es aus dem Buch erinnert hatte, in ihrer Not nachgebetet:

„Kleines Kind Jesus,
Sanft und gelind,
Bete für mich, das Waisenkind;
Sei mein Herz, sei die Kraft meiner Hände,
Sei Du bei mir ohne Ende“ (1)

Die Angst war aus ihr verraucht, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Und sie war nicht einfach nur verschwunden, sondern hatte eine Art Kraft hinterlassen, die ihr in dieser Art gleichzeitig unbekannt und urvertraut erschienen war: derart still, einfach und alles umfassend, dass sie, die ihr so fein und unemotional vorgekommen war, nicht den leisesten Zweifel mehr in ihr hatte aufkommen lassen, in absoluter Geborgenheit zu sein.
Seitdem, seit diesem einen, kurzen Erlebnis, wusste Marie unvergesslich, dass die Angst nur eine Frage war. Für die es eine Antwort gab.

Zwei Monate hatten ihre Ängste danach noch angehalten, so als habe sie ein paar verbleibende Stationen abgehen müssen, um dort ebenfalls eine Antwort zu geben, die nicht Flucht oder Aggression war. Als letzte dieser Stationen hatte sie die Platzangst noch einmal in einem Flugzeug heimgesucht, hoch über den Wolken. Da hatte sie schon lächeln können über die Frage und Antwort gegeben, indem sie sich die banale Tatsache schonungslos eingestanden hatte, dass sie sich an diesem Ort – was ihr körperliches Leben anging – der Technik einer Maschine und dem Können von ihr unbekannten Menschen vollkommen ausgeliefert hatte. Gleichzeitig aber war in ihr das sichere Gefühl zu finden gewesen, dass dieser ausgelieferte Körper nicht ihr Eigentliches war, sie nicht in Gänze ausmachte, und sie hatte einfach nur aus dem Fenster geschaut, sich in Gottes Hand gegeben und damit zugelassen, dass sich die Angst des Ausgeliefertseins in die Kraft einer ruhigen Gewissheit verwandelt hatte.
Seitdem war die Platzangst nicht nur ausgeblieben, sondern es hatte sich in Marie eine zunehmende Sicherheit entwickelt, dass sie ihr jederzeit die andere, die wahre Antwort geben konnte.

*

Endlich wurde sie aufgerufen und von der ausgesprochen netten Arzthelferin in die Umkleidekabine geführt, wo auch das kurze Gespräch mit dem Arzt stattfand, und von dort aus in den Raum, in dem die Untersuchung durchgeführt werden sollte. Sie musste sich auf eine Liege legen, auf welcher sie dann langsam ins Innere der Röhre geschoben wurde, bis auch ihr Kopf gänzlich eingetaucht war in die enge Welt der sie jetzt vollkommen umschließenden Technik. „Ist eigentlich die großartige Gelegenheit, sich einmal im Leben wie ein ungebackenes Brot zu fühlen“, hatte sie im Hineinfahren noch gedacht und war doch jetzt beeindruckt von der in der Tat sehr bedrängenden Enge. Die Geräusche, die der Apparat zu produzieren begann, verstärkten diesen Eindruck noch, indem sie ein akustisches Chaos sondergleichen erzeugten. Sie spielte Cello und hatte ein für musikalische Spannungen empfindsames Gehör, aber hier konnte man beim besten Willen nur von einer asymphonischen Kakophonie sprechen!

Wie damals im Flugzeug machte sie sich ihre Lage bewusst, dieser Enge jetzt für eine Weile ausgeliefert zu sein und außer der Klingel, die ihr von der Assistentin in die Hand gedrückt worden war, keine Möglichkeit der Kontrolle dieser Situation zu haben.
Im gleichen Moment ging ihr etwas auf, das ihr in dieser Deutlichkeit bislang noch nicht klar geworden war:
Seit ihren Erlebnissen vor fünfundzwanzig Jahren war es ihr immer weniger möglich gewesen, die Angst, wenn sie sich ihr – in welchem alltäglichen Gewand auch immer – bei sich selbst oder anderen zeigen wollte, mit irgend einer der abertausend Variationen von Flucht oder Angriff zu überspielen. Die andere Art, ihr zu begegnen, war öfter und öfter zu ihrer bevorzugten Option und ihr schließlich selbstverständlich geworden: die Frage in ihr zu hören und ihr Antwort zu geben.

Voller Dankbarkeit atmete Marie auf und verließ die enge Röhre, indem sie den Raum, der sie und die Maschine umgab, die sich da unermüdlich an ihr abarbeitete, erfühlte: obgleich sie sich sagte, dass die äußerst lauten Geräusche in dem Untersuchungsraum überall gut zu hören sein mussten, empfand sie eine wohltuende Stille. Niemand außer ihr war da, die Assistentin hatte sich hinter die Glasscheibe des angrenzenden Kontrollraums zurückgezogen. Marie genoss dieses Gefühl der Abwesenheit von Betriebsamkeit, Zielgerichtetheit und Zeitdruck und berührte alle Dinge, die sie vor ihrem Eintauchen in die Röhre in dem Raum gesehen hatte, auch das MRT-Gerät selbst, mit der Ruhe ihres Einverständnisses: alles war irgendwie an seinem rechten Ort und atmete seinen eigentlichen Sinn und seine eigentliche Bestimmung, die nichts Aussonderndes,  nichts Feindseliges und nichts Angreifendes hatten, nur eine ruhige Freundlichkeit, mit der selbst diese wesenlos scheinende Dinge Marie als ihresgleichen begrüßten.
„Das ist die Stille“ dachte sie: „nichts Äußeres … es ist ein Willkommen, das ich empfinde“, und sie ging weiter bis hinter die Glasscheibe, um der Assistentin etwas Gesellschaft zu leisten. Es fielen ihr die Berichte aus dem Internet ein, die sie am Vortag gelesen hatte, und einer dieser Geschichten folgte sie jetzt, indem sie mit der Assistentin den Kontrollraum verließ, nur kurz, wie diese dachte. Draußen aber begegneten sie ausgerechnet dem jungen Arzt, auf den die Assistentin schon lange ein Auge geworfen hatte, sie kam mit ihm ins Gespräch und vergaß darüber ihre Pflichten. Marie blieb ganz ruhig bei ihr, und als sie spürte, wie derweil die Patientin im MRT, in der die Angst aufgestiegen war, in höchste Not geriet, weil niemand auf ihr Klingeln reagierte, ging Marie zu ihr hin und berührte sie mit ihrer Stille: ‚Es gibt keinen hermetischen Raum, wir sind nicht das, was durch den Körper begrenzt wird, und wir können einander nicht verlassen!‘ Wie immer, wenn Marie in dieser Art Ruhe einer Phantasie nachging, hatte sie, obgleich ihr vollkommen klar war, dass diese Situation nur von ihr erlesen, also längst vorbei oder auch von dem Berichterstatter vielleicht sogar nur erfunden war, das sichere Gefühl, dass die Begegnung dennoch geschah, auch wenn ihr Verstand das nicht konkretisieren konnte. Sie nahm es dankbar hin so wie sie den Frieden hinnahm, der sich ihr in dieser Begegnung vermittelte.
Wie meist stellte sich, wenn sie sich derart weit geöffnet hatte, so auch jetzt das Bedürfnis ein, mit ihrem Bruder zusammenzusein, den sie sehr liebte und der vor zehn Jahren gestorben war. Diesmal sah sie keine Bilder von ihm vor sich und es wurde nichts gesprochen, aber er war da – so selbstverständlich wie damals, als er kurz nach seinem Sterben wieder zu ihr gekommen war, um sie zu trösten.
Schließlich wandte sie sich noch ihrem Mann zu, der auf ihren Anruf wartete, um von ihr zu erfahren, was denn die vorwitzige Bandscheibe angerichtet habe, und nahm ihn in den Arm.
Dann kehrte sie heiter und entspannt in die enge Röhre zurück, wo das Orchester immer noch vergeblich versuchte, seine Instrumente zu stimmen und wartete das Ende der Untersuchung ab.

*

Wieder im Wartezimmer, nahm sie sich eine Tasse Kaffee aus der großen Thermoskanne, die dankenswerterweise für die Patienten bereitstand, und setzte sich in die Nähe des Empfangstresens, um auf ihre Befunde zu warten. Nur langsam kehrten ihre Gedanken wieder zum Alltäglichen zurück, aber immer noch waren all ihre Poren offen und empfänglich für den Athem der Nähe, der sie durchweht hatte.

Es klingelte an der Tür und eine Frau betrat die Praxis, die ihr frappierend ähnlich sah, obgleich sie in allem größer, ausladender war als Marie: ihre Gestalt, ihre Gesten, die Art ihrer Bewegungen, die Aura, die sie umgab: alles war mächtiger, lauter und irgendwie blumiger als bei ihr selbst. Und so brachte die Frau jetzt die wenigen Schritte bis zur Anmeldung in einer Weise hinter sich, als werde sie dort als verspätete Hauptperson schon sehnlichst erwartet, ohne dass dies irgendwie unangenehm wirkte – es war einfach ihre ganz spezielle Art der Präsenz. Am Tresen der Anmeldung angelangt, nannte sie ihren Namen, woraufhin die Arzthelferin ihr Telefongespräch unterbrach – sie hatte seit einigen Minuten einer Freundin in aller Ausführlichkeit erzählt, dass sie am heutigen Halloween-Abend als Hexe unterwegs sein werde – um kurz die Formalien mit der Patientin zu klären. Diese nahm allerdings eine kleine Nebenfrage der Arzthelferin zum Anlass, einen Vorstoß zu wagen, der Marie wohlvorbereitet schien: „Ich kann Ihnen ja kurz mal einen Abriss meiner Geschichte geben“, sagte sie zum anfänglichen Entsetzen der Arzthelferin, die jedoch schon nach wenigen Worten der Frau, ebenso wie Marie bemerkte, dass hier eine wahre Erzählnot herrschte, was sie dazu bewog, das Telefongespräch zu beenden und – indem sie den Kugelschreiber aus der Hand legte und sich in ihrem Stuhl zurücklehnte – ihre Bereitschaft zu demonstrieren, zuzuhören.
Anfänglich schien die Frau genau die Geschichte erzählen zu wollen, die auch Maries Geschichte war: Plötzliche Schmerzen, zunächst für einen banalen Hexenschuss gehalten, Zweifel, der Gang zum Arzt, Verdacht auf Bandscheibenvorfall. ‚Wie sich die Bilder gleichen‘ dachte Marie noch, aber sie spürte schon hier, dass auch diese Erzählung größer, mächtiger und lauter werden würde als die ihre. Es war kein Bandscheibenvorfall, man hatte weiterdiagnostiziert, Blutungen waren entdeckt worden im Beckenbereich und schließlich die Knochenmetastasen. Jetzt sollte weitergesucht werden.
Die Erzählerin war am Ziel, das hatte in dieser Ausführlichkeit sein müssen, auch wenn sie die Dinge gleich noch einmal dem Arzt würde berichten müssen, welcher der eigentliche Adressat ihrer Krankengeschichte war, so lange hatte sie einfach nicht mehr warten können.
Die Arzthelferin nickte ihr freundlich zu und bat sie, Platz zu nehmen.

Marie atmete tief durch. Sie erkannte diesen Moment wieder, es gab eine ganz bestimmte Resonanz in ihr: die Angst machte den Versuch, sich über ihrer „kleinen“ Geschichte ins Unendliche aufzutürmen: ‚Wenn du glaubst, dass du mir entkommst, dann kennst du mich schlecht!‘ Wie oft hatte sie das schon erlebt, dass nach einer friedlichen Beantwortung der Angst irgendetwas geschah, das ein Potenzial in sich trug, diese traurige Botschaft zu vermitteln: ‚Es gibt kein Entkommen, denk‘ nicht, du habest gesiegt!‘ Und Marie hatte gelernt, dies miteinzubegreifen als notwendigen Teil ihrer friedlichen Antwort. Sie blickte der Frau, die sich inzwischen ihr gegenüber hingesetzt hatte, ins Gesicht, aber es kam kein Blickkontakt mit ihr zustande, sie schien auf gute Art erschöpft und zufrieden zu sein, für sie war für den Moment alles getan. Marie wünschte ihr im Stillen von Herzen alles Gute, sah noch einmal auf die Angst als immer nur dieselbe Frage, in welcher Form sie auch immer auftreten mochte, und gab ihr noch einmal Antwort. ‚Wir sind Eins. Du kannst dich der Liebe hingeben. Vertrau‘.
Dann nahm sie die Papiere, die ihr die Arzthelferin entgegenhielt, ließ sich von ihr eine Taxe bestellen und verließ die Praxis.

*

Bis zum Ausgang hatte sie einen langen Weg zurückzulegen. Die Praxis befand sich in dem palastartigen Gebäude der Alten Oberpostdirektion am Stephansplatz, das der humpelnden Wanderin zwar mit multiplen Aufzugsanlagen half, aber dennoch derart verwinkelt war, dass sie gute fünf Minuten brauchte, bis sie endlich draußen vor der Tür stand. Mehr als fünfzehn Minuten konnte sie sich derzeit wegen der erheblichen Schmerzen in ihrem Rücken nicht auf den Beinen halten und deshalb war Marie einigermaßen beunruhigt, als sie den Berufsverkehrstau bemerkte, der sich hier wegen einer Baustelle zu einem extrem zähen Stop-and-Go entwickelt hatte. Da würde es die Taxe schwer haben, durchzukommen. Fünf Minuten blieb sie auf dem Gehweg stehen, dann ging sie wieder ins Gebäude, um sich auf die Treppenstufen zu setzen, die allerdings derart kalt waren, dass sich dies als die noch schlechtere Option erwies. Sie überlegte, wieder hinaufzugehen und sich dann aus der Praxis abholen zu lassen, wollte aber noch einen letzten Versuch machen, und ging wieder hinaus. Einige Taxen waren schon an ihr vorbeigefahren und sie entschloss sich jetzt, nicht weiter auf die für sie bestellte zu warten, sondern die nächstbeste anzuhalten, die Umstände rechtfertigten das, wie sie fand.

Tatsächlich bewegte sich jetzt im Schleichgang ein Taxi in ihre Richtung und sie winkte es heran. Der Fahrer öffnete ihr von innen die Tür und begrüßte sie herzlich: sein Wagen war der von ihr bestellte und sie kannten einander: der Fahrer pflegte morgens an der Tankstelle in der Nähe ihrer Wohnung zu frühstücken, und sie waren sich dort schon oft begegnet und hatten das ein oder andere Wort miteinander gewechselt, wenn Marie dort nach dem Tanken noch eine Tasse Kaffe trank.
„Hallo, das ist ja nett, dass Sie es sind“, sprach sie ihn an und erkundigte sich gleich nach seiner Frau, von der sie wusste, dass sie nach einem schweren Verkehrsunfall seit langer Zeit im Krankenhaus lag.
„Oh, danke, dass Sie fragen“, erwiderte der Fahrer, „wir sind eigentlich durch, nächste Woche wird sie entlassen, alles wieder gut. Aber Sie, Sie humpeln, waren Sie hier beim Arzt?“
„Genau. Bandscheibe.“ Marie sah ihn grinsend an.
„Au ha! Schlimm?“
„Ach was, wird schon wieder, kleine Fische!“
„Na ja“, der mit Rückenproblemen vertraute Taxifahrer runzelte die Stirn: „nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter!“
„Klar, nehm‘ ich nicht, aber immer nach vorne schauen, oder?“
„Da sagen Sie was!“, die Miene des Fahrers wurde ernster, während er mit einer um Lässigkeit bemühten Geste auf ein paar vor ihm auf dem Armaturenbrett liegenden Papiere zeigte: „Ich bereite mich gerade auf eine Trauerrede vor, mein Vater ist letzte Woche gestorben, ich übe jeden Moment ohne Fahrgast, will das schließlich ohne zitternde Unterlippe hinkriegen!“
„Oh“, Marie fasste ihn leicht am Oberarm, „das tut mir leid!“
„Ne, ne“, winkte der Fahrer ab und schaute ihr kurz ins Gesicht, um zu zeigen, dass er ernst meinte, was er ihr offenherzig anvertraute: „Er war sehr alt, hatte Demenz, alles gut, war eine Erlösung, auch für mich. Aber die Rede! Ich hab‘ echt Schiss, vor lauter Aufregung selbst ins offene Grab zu fallen!“
„Das versteh‘ ich gut“, antwortete Marie, „all die Leute …“
„Also…“, leicht beschämt blickte der Fahrer zur Seite und Marie kam es so vor, als überlege er einen Moment, ob er jetzt mit einer geschönten Version oder der blanken Realität weitermachen wolle. Er entschied sich für die Realität:
„Also es kommt eigentlich außer mir nur noch meine Tante, jedenfalls weiß ich sonst von niemandem. Sie ist vierundneunzig und sitzt im Rollstuhl, aber sie hat es sich nicht nehmen lassen. Eine Sache der Ehre, sagt sie. Na ja, und für sie hab‘ ich diese Rede geschrieben, das geht doch nicht, dass ich eine Vierundneunzigjährige ins offene Grab schauen lasse, in den sie ihren Bruder versenken, um ihn dann mit Erde zuzuschütten, ohne etwas dazu zu sagen!“
„Mann!“, Marie war zutiefst beeindruckt, „das ist groß!“
„Ach was“, winkte er ab, „das ist nur selbstverständlich.“
„Das meine ich ja“, Marie insistierte, „dass Sie das so empfinden, das finde ich groß!“

Sie schwiegen eine Weile und dann sprachen sie weiter über die bevorstehende Beerdigung, bis Marie irgendwann begann, von ihrem Bruder zu erzählen, wie er damals, schon seit vielen Tagen im Koma, noch einmal aufgetaucht war kurz vor seinem Sterben, um ihrem Vater eine gut fünfminütige Rede zu halten, die er offensichtlich im Koma vorbereitet hatte. In dieser Rede hatte ihr Bruder nichts ausgelassen, um ihren Vater von aller Schuld, die er an seinem Sohn vielleicht begangen hatte oder auch nur fürchten könnte, begangen zu haben, freizusprechen. Dies war der einzige Inhalt der Rede gewesen und Marie war fest davon überzeugt, dass sie der Grund dafür gewesen war, dass ihr Vater nach dem Sterben seines Sohnes noch vier Jahre lang ein fröhliches, andere durch seine ansteckende Kreativität inspirierendes Leben hatte leben können.

Als sie mit der Erzählung zu Ende gekommen war, lenkte der Fahrer seinen Wagen in eine Parklücke und hielt an:
„Das ist ja unglaublich, dass ich Sie ausgerechnet jetzt treffe, kurz vor der Beerdigung! Und Ihre Geschichte von Ihrem Bruder! Sie wissen ja, meine Frau hat auch eine Woche lang im künstlichen Koma gelegen, und bis heute ist da so ein unsicheres Gefühl in mir gewesen, wie ich das verstehen soll, was ich erlebt habe.“ Er schwieg einen Moment und ging zurück in der Erinnerung an diese Tage: „Sie hat nämlich immer eindeutig reagiert, wenn ich ins Zimmer gekommen bin, das hat man an den Instrumenten, an die sie angeschlossen war, ganz klar erkennen können. Niemand, auch der Arzt nicht, hat mit mir darüber gesprochen, und, wie gesagt, ich war auch so unsicher damit, das konnte ich mir nicht vorstellen. Aber jetzt … danke, das hilft. Es ist also wahr.“
Wieder berührte Marie ihn leicht am Arm und spürte die Nähe, die Nähe des Einundselben.
Bei ihrer Adresse angekommen, verabschiedeten sie sich herzlich, sie wünschte ihm noch einmal Glück für den kommenden Freitag und winkte ihm nach, als er mit seiner Taxe davonfuhr.

Dann humpelte sie zu ihrem Hauseingang, zog sich am Geländer die wenigen Treppenstufen hoch, die sie bis zu ihrer Wohnungstür überwinden musste, betrat ihre Wohnung und nahm entschlossen Kurs auf in Richtung ihres Sofas, das für die nächste Zeit wohl das Zentrum ihres Universums bilden würde. Auf dem Weg dorthin telefonierte sie noch kurz mit ihrem Mann, legte sich dann – angekommen – aufatmend auf den Rücken, merkte erleichtert, wie die Schmerzen sofort nachließen und ging, bevor sie in einen wohlverdienten Mittagsschlaf versank,  in ihren Gedanken zusammen mit diesem erstaunlichen Mann, den sie da soeben getroffen hatte, ans Grab seines Vaters, sah die alte Tante dort in ihrem Rollstuhl sitzen und ihn, den Sohn, ohne Angst seine Rede halten, die er nur für sie geschrieben hatte, um ihr Trost zu geben. „Hier erst bist du vollständig beantwortet, Angst“, dachte sie, schon von wohligen Schlummerwölkchen umgeben, „hier darfst du sterben!“

***

(1) frei aus Stephen Kings „The Green Mile“

 

8 Gedanken zu “Der engen Angst bange Frage nach der Weite

  1. Oh, welch eine Erzählung, lieber Micha! So viele Détails so schön genannt, u. a. von Maries Einsicht, dass ihr „ausgelieferter Körper nicht ihr Eigentliches war, sie nicht in Gänze ausmachte“ über die „im Koma vorbereitete Entschuldungsrede“ bis zu der „Nähe des Einundselben“ – wunderschön. Das Cello-Spiel dieser Marie klingt mir wunderschön.
    Die kühne Amtsanmaßung, im Sinne des Gesundheitsamtes Eimsbüttel zu sprechen, zerfließt darunter lächelnd und mit Wohlgefallen. Möge so mancher dies lesende Mensch die alltägliche, kaum sichtbahre EINSHEIT-Beschenkung und Zusammenführung der sich getrennt wähnenden Menschen im Wunder aus diesen Deinen Worten erlesen und erhören!
    Herzlich!
    Achim.

    1. Herzlichen Dank, mein lieber Achim, für deine wohltuenden Worte,
      mit denen du dir nicht nur diesen Dank,
      sondern auch meine Vergebung für deine hahnebüchene Unterstellung, die Warnhinweise des Gesundheitsamtes seien irgendwie getürkt, redlich verdient hast! :~)

      Danke!
      Micha

  2. Holla, das war jetzt aber wirklich lang und auch ganz schön viel Plusquamperfekt – dein Aushang in der Kümmellstraße ist schon berechtigt, Michael… wenn da nicht die Freude an den Begegnungen wäre, mit denen keiner rechnen kann, die aber möglich werden, wenn man sich einlässt. Dünnhäutige Grüße!

    1. Liebe Maren, ich freue mich außerordentlich, dich in meiner Nachbarschaft zu wissen! Es waren hier ja schon Zweifel an der Ernsthaftigkeit der vorangestellten Gesundheitswarnung geäußert worden, die mich doch einigermaßen gekränkt haben! Dass du den Aushang mit eigenen Augen gesehen hast, rettet meinen Ruf, ein stets um das Wohlergehen seiner Leser bemühter Blogger zu sein.
      Noch mehr freue ich mich darüber, dass du den gefährlichen Weg durch den Text auf dich genommen und dabei die FREUDE gefunden hast, von der vielleicht nur noch wenige wissen, dass sie tatsächlich ein hochwirksames Antiphobikum und Antiallergikum ist, besonders, wenn man sie in anderen sieht und mit ihnen erlebt.
      Ich danke dir herzlich

      transparente Grüße von
      Michael

  3. Lieber Micha,
    so viel Liebe – in den unterschiedlichen Facetten: Liebe, die die Unbegrenzheit und Einheit betont, Liebe, die die Schuld auflöst, Liebe, die mitfühlend zuhört, Liebe die stellvertretend im Geiste die heilenden Erfahrungen erleben lässt, Liebe, die versteht, verzeiht und mitfühlend ist…
    SIE berührt mich zutiefst.
    Ein herzliches Dankeschön dafür sagt dir – tief berührt
    Marina

    1. Herzlichen Dank, liebe Marina!
      Ich freu‘ mich sehr, dass du das Lied gehört hast, das in diesem Text gesungen wird, nicht von mir, nicht von Marie, sondern vom Leben in uns allen. Wir können ja immer nur mit den schrägen Tönen unseres Ego-Wahlkampfes so tun, als hätten wir die lauteren Stimmen. Das Lied darunter bleibt wahr und kann deshalb still sein, auch wenn die Trumpeten gerade besonders laut den Ton angeben wollen.

      Danke dir, Michael

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