Das Lied der Amsel

Als die U-Bahn anfuhr, gab es für mich noch keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass diese Fahrt auf den Schienen der Normalität einer Alltagsnotwendigkeit stattfinden würde. Ich hatte im letzten Moment noch einsteigen können und wollte nichts anderes als von A nach B. Diese Reise aber sollte mich an einen Ort bringen, der mir nicht ganz unbekannt war und sich wie immer auch dieses Mal ganz ungefragt über mein selbstdefiniertes Reiseziel legte und es für einen Augenblick in Vergessenheit geraten ließ.

Ich war gleich an der Tür stehen geblieben, durch die ich noch in das Abteil hineingehuscht war, und hielt mich an einem der Haltegriffe fest, als die Bahn mit einem kleinen Ruck Fahrt aufnahm.

Im gleichen Moment ertönten aus der Sitzgruppe links neben mir täuschend echte Vogelstimmen, die ein vom Zustand seiner Bekleidung, der Ungepflegtheit seines übrigen Äußeren und dem strengen Geruch her, der mir aus seiner Richtung entgegenströmte, als obdachlos zu vermutender Mann allerdings in einer Lautstärke und mit einer solchen alle anderen Stimmen und Laute im Abteil wie erdrücken wollenden Vehemenz von sich gab, dass die Echtheitsanmutung der Imitation dann doch entschieden darunter litt. Dennoch war ich beeindruckt vom Variationsreichtum der Darbietung und den offensichtlichen Kenntnissen des Mannes im Bereich ornithologischer Kommunikation, die mir selbst vollkommen fehlten.

In den kleinen Konzertpausen, die der Musikant einlegte, geschah allerdings etwas für mein Empfinden außerordentlich Trauriges: der Sänger – wie ein Gesang kam mir sein Pfeifen vor – stürzte dann regelmäßig wie in ein tiefes Loch, alle Energie schien aus ihm ausgelaufen zu sein und er stierte wie bewusstlos ins Leere, bevor ein leichtes Zittern durch seinen Körper ging, er sich aufrichtete und erneut anhob, einen der ihm vertrauten Singvögel nachzuahmen.

Fasziniert schaute ich ihm zu und hatte deswegen ebensowenig wie er bemerkt, dass an der Station, die die Bahn gerade verließ, und am anderen Ende des Abteils zwei Musiker eingestiegen waren, um den Fahrgästen ihre Kunst zum Zwecke des Gelderwerbs vorzutragen, und ich und der Vogelstimmenimitator, wir erschraken wohl beide einigermaßen, als der Raum sich plötzlich mit lauten Saxophonklängen füllte, die von lateinamerikanischen Rhythmen aus einem Ghettoblaster begleitet wurden.

Der hoffnungslos übertönte Sänger reagierte mit einem einzigen, kurzen und verzweifelten Versuch, sein besonders kräftiges Lied der Amsel, das er gerade angestimmt hatte, an Eindringlichkeit und Lautstärke zu maximieren und damit das konkurrierende und sich weiter an Intensität steigernde Orchester der Copacabana doch noch auszustechen, war aber chancenlos und fiel nun vollends in sich zusammen.

Er saß da, als habe er nie in seinem Leben jemals gesungen. Wie die Leugnung seiner selbst schien er nur noch aus zusammengestürzter Körpermasse zu bestehen. Irgendetwas in mir wurde todtraurig, erkannte diesen Moment und rang nach Luft, als ginge es mit ihm unter.

Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt, wir näherten uns der Station, an der ich aussteigen musste. Die beiden Saxophonisten hatten aufgehört zu spielen und sammelten Geld ein, während der elektronische Sambarhythmus noch weiterlief, was die Bemühungen der Musiker, an ihren materiellen Lohn zu kommen, merkwürdig unterstrich.

Mit einem letzten Blick auf den geschlagenen Sänger, der entseelt auf die hintere Wand des Abteils starrte, verließ ich die Bahn. Als ich hörte, wie sich hinter mir die Tür schloss, drehte ich mich noch einmal um, sah die Bahn anfahren und da endlich wurde ich des kleinen Mädchens gewahr, das die ganze Zeit zusammen mit seiner Mutter in der Sitzgruppe direkt neben dem Sänger gesessen hatte, von mir wohl bemerkt, aber nicht wirklich beachtet.

Jetzt sah ich, wie das Gesicht des Kindes hell und erwartungsvoll dem in sich zusammengesunkenen Mann zugewandt war, und nichts im Antlitz des Mädchens spiegelte das Düstere, Beängstigende, das ich beim Anblick des so von mir empfundenen Einbruchs erlebt hatte. Ganz im Gegenteil: dieses Kindergesicht sah etwas in unirritierter Konstanz, was in mir nur als flüchtiger Funke zu bemerken gewesen war: Es sah die Schönheit dieses Mannes, der solch wundervolle Töne hervorbringen konnte, es sah die Freude einer unzerstörbaren Gemeinsamkeit und hörte eine Melodie, die eingebettet war in einen nicht zu übertönenden Klang. Es erkannte diesen Menschen als Seinesgleichen und war glücklich, ihm zu begegnen.

Manchmal starrst du gegen die Wand, dachte ich, während ich der Bahn nachsah, die schließlich im Tunnel verschwand – und siehst einfach nicht, dass dein Engel direkt hinter dir steht.

Dann siehst du ihn doch – jetzt hatte mich die Erinnerung an das Gesichtchen des kleinen Mädchens endgültig besiegt – und bist für einen Moment an diesem einen Ort, der auf keinem Fahrplan der Welt verzeichnet ist und der auf unserer Reise aufeinander zu immer irgendwie mit uns geht.

Und ich versuchte, ein wenig zu pfeifen, so wie … eine Amsel vielleicht … aber nein, das war nicht zu imitieren.

 

*

7 Gedanken zu “Das Lied der Amsel

  1. Michael, das bist wieder du und deine wunderbaren Geschichten.
    Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar, denn zu zeigst mit deinen Buchstaben, dass es sie gibt diese Wunder des Alltags.

    1. Herzlichen Dank, liebe Marion, das freut mich, dass die kleine Erzählung so bei dir angekommen ist. Ja, ich glaube auch, wenn man offen hinschaut, sieht man eine „andere“ Ebene unserer Begegnungen, die gar nicht so anders ist, aber eben: wunderbar! Alles Liebe dir!

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