„Heinz ist gestorben“

Drei Jahre lang hat deine Reise durch die Krankenhäuser und schließlich die Pflegestationen gedauert. Wir haben uns etliche Male gesehen in dieser Zeit, viel gesprochen werden konnte nicht. Aber das, was immer schon zwischen uns war, das war ja nicht an Worte geknüpft, du bist eben auch so ein empfindsames Seelchen wie ich! Damit hat man in dieser rauen Welt ja auch genügend Schwierigkeiten, weiß Gott! Wenn es aber darum ging, ohne Worte auszukommen beim Miteinander – Kommunizieren, da waren wir unschlagbar! Man verstand sich.

An diesem Morgen bin ich ganz ruhig. Etwas, das ich vorhabe zu tun und das mir eigentlich sehr wichtig ist, lasse ich liegen. Später vielleicht. Später, eine Stunde, zwei Stunden später sage ich immer noch Nein, das kann ich jetzt nicht tun, mir fehlt etwas dazu, ich muss warten. So ist das Gefühl.
Dann klingelt das Telefon, die Nachricht von deinem Heimgang. „Heinz ist gestorben“. Beerdigung wann, wie geht es C., wer benachrichtigt U.? Danke erst mal, bis später.

Da ist immer noch diese Ruhe, ich bin allein, habe Zeit, kann mich zurückziehen … und dann … näher war ich ihm noch nie wie eben jetzt. Ich habe das Gefühl, ein paar Meter mitzugehen mit ihm, dahin, wo die Ruhe immer tiefer wird, immer lebendiger, immer friedlicher … und muss doch wieder zurück, muss ihn ziehen lassen. Aber es ist alles andere als ein trauriger Abschied, ein „Danke“ ist zwischen uns und etwas ganz „Normales“, als wenn er sage: „Das scheint nur ein Abschied zu sein, leb‘ wohl! Wir sehen uns!“ Man versteht sich.

Etwas in mir will unbedingt hadern mit diesem Erlebnis: warum war mir diese Intensität von Nähe nicht „zu Lebzeiten“ mit ihm möglich? Oder noch bitterer: wenn der ganze Frieden DORT ist, diese totale Geborgenheit, die DA zu spüren ist … was soll ich dann eigentlich hier?

Aber das ist nur … ja was? Das ist die alte Platte, die alte CD. Die Tonspur, die noch nicht gebrochen war von eben diesem „anderen“ Erleben, das sich allerdings nicht auf einen Tonträger bannen lässt, weil es nur als Klang existiert, der dann gehört wird, wenn er klingt, und nur dann.
Das vertraute, das alte Geleier vom Scheitern des Lebens kann ich mir tausendfach als Wiederholung anhören: wieso so lange leiden? Wozu überhaupt Krankheit? Weshalb sterben wir denn nur, das ist doch absurd! Wo ist da der „Sinn des Lebens“? All das Leid! Und kein Entkommen, für niemanden! Etc. etc. Die B-Seite ist noch schlimmer!

In dieser Welt suchen wir einander, das ist mir klarer geworden als es das bisher war, es kann nicht anders sein: Du suchst diese Nähe zu mir und ich suche sie gleichzeitig zu Dir: das ist das Leben hier, auch wenn wir es immer wieder verleugnen und vergessen. Das Erinnern macht diese zersplitterte Welt zutiefst sinnvoll, in jedem Schritt, den wir aufmerksam tun: jedem Erfolg, jedem Versagen, in jeder Freude und jeder Trauer, wenn wir nämlich solidarisch sind mit dieser Selbstvergessenheit UND mit der Erinnerung, wo wir eigentlich zu Hause sind: in der Liebe zueinander.

Und das hast du mir in diesen drei Jahren immer wieder gezeigt, lieber Heinz, das hast du mir ganz eindrucksvoll gestern gezeigt, und ich weiß, du wirst nicht nachlassen, mich daran zu erinnern.
„Heinz ist gestorben“, es ist ja klar, was gemeint ist. Aber es ist dennoch ein Witz! LEBEN ist nie tiefer, nie klangvoller, nie wahrer als JETZT.

DANKE! Wir sehen uns, mein Lieber!

 

*

6 Gedanken zu “„Heinz ist gestorben“

  1. Schön, wie du von diesem „anderen“ Erleben schreibst, Michael, das „nur als Klang existiert, der dann gehört wird, wenn er klingt, und nur dann“. Sehr herzliche Grüße aus der Nachbarschaft!

  2. Zeilen voll von Tiefe …

    Wir werden nicht gefragt. Das „Ob“ steht nicht zur Debatte und auch auf das „Wie“ haben wir kaum Einfluss. Die Ruhe und der Frieden DORT – wir sollen etwas lernen, glaube ich. Der einzige Grund, hier zu sein. Und ja, Worte werden zum Ende hin bedeutungslos – das wirklich wichtige ist zu spüren.

    Mein Mitgefühl & Grüße.

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