Ich.

Gebe mein bedingungsloses Ja
In Dein unsichtbares Sein,
Wortlos mein Gebet,
Ohne Wunsch und Richtung, was ich wähle;
Wie ein Segen
Dehnt sich Frieden aus,
Wie vom Regen
Heilt die Dürre,
Und endlich bleibst Du.
Ich.

 

*

Weihnachtsvakuum

Ich bin gerade mal so ein halbes Stündchen durch die Straßen meiner Stadt gezogen und hab Beeindruckendes erlebt! Es gibt ja alle möglichen Arten der Ruhe: feierliche, friedliche, drohende, schläfrige, nervöse, erwartungsvolle uswusw. Aber so was wie heute hab ich glaub ich noch nie erlebt!

Absolute Abwesenheit, ich gehe durch ein Vakuum, die Menschheit ist gerade auf den Mars umgezogen!

Selbst die Bäume, Steine und Mülleimer sind abwesend und wollen aus ihrer Abwesenheit heraus mein bisschen Anwesenheit absaugen. Gigantisch!

In Wirklichkeit sind die natürlich nicht alle auf dem Mars, sondern in ihrer kräftezurückhaltenden Superkonzentration auf den morgigen Organisations-Showdown. Da sind sie und ziehen Energie an sich, was geht! Echt anstrengend! Selbst der Typ auf dem kleinen Weihnachtsmarkt, der sonst Würstchen verkauft, wendet seine Bestseller heute nur gedankenverloren von einer Seite auf die andere, um ihr Schicksal, das sich durch einen bedenklich sich dem Schwarz annähernden Farbwandel und die einem Waldbrand ähnelnde Geruchsanmutung unerbittlich ankündigt, wenigstens noch ein Zeitchen hinauszuzögern. Seine Konzentration muss man schon Kontemplation nennen, sie knistert fast vor Ausschließlichkeit.

Dann bin ich in „meinem“ kleinen Park. Und ich bringe die Bäume dazu, mich anzulächeln. Sie kennen mich schon und meine perversen Wünsche, aber sie tun es gern!

Was für ein Erleben! Auf der gefühlten Abwesenheit, die auch hier dick zu spüren ist, liegt jetzt der feine Hauch der Erinnerung an die ANWESENHEIT, DIE nicht abzusaugen ist! Und Alle sind schlagartig wieder da, freiwillig zurück vom Mars. Es war wohl doch zu karg da!

Mit dieser ANWESENHEIT gesegnete Weihnachtsfeiertage wünsche ich uns allen, und dass wir einander damit reich beschenken. Alles Liebe euch!

***

Wach‘ ich oder träum‘ ich?

Gestern habe ich einen kleinen Schritt getan in das Land meiner Träume – könnte man sagen, wenn man auch davon träumen kann, wach zu sein, hellwach. Und ja: man kann, seit gestern bin ich davon überzeugt. Ob es mir möglich ist, davon zu erzählen, ist eine zweite Frage. Wir werden sehen.

*

Wir kennen ja alle das, was ich mal die „neue Freundlichkeit“ nennen würde, die auf den Schienen des lieben Zeitgeistes in so vielen Bereichen unserer Gesellschaft Einzug gehalten hat: Es besteht inzwischen ein weitreichender Konsens darüber, dass es genügt, die äußere Form zu wahren in Begegnungen aller Art, während in der tatsächlich darunter ablaufenden Interaktion alles erlaubt ist, was dem eigenen Vorteil dienen mag. Dieses Prinzip ist uns bislang hauptsächlich in der Verteidigung von Angeklagten als akzeptiert vertraut gewesen, der Verteidiger darf und muss auch – sogar wenn er von der Schuld seines Mandanten überzeugt ist – alles versuchen, den Richter oder die Geschworenen von dessen Unschuld zu überzeugen. Wenn er durchkommt, hat er Recht. Und genau dieses Prinzip hat sich jetzt auf die ganze Gesellschaft ausgebreitet: Wenn ich durchkomme, habe ich Recht.

*

Unseren „Vorteil“ durchzuboxen ist mit so ziemlich allen Mitteln erlaubt, wenn die grobe Form gewahrt wird: niemand protestiert mehr, wenn Firmen ganz offen Abteilungen einrichten, die sich damit beschäftigen, Schwachstellen in Produkte einzubauen, damit diese nach einer kalkulierbaren Zeit kaputt gehen und niemand schämt sich dafür, dass es dafür sogar einen stolzen Fachbegriff gibt: „geplante Obsoleszenz“.

*

Die Zeiten von Schamgrenzen, moralischen Bedenken, ethischen Vorstellungen sind erst mal vorbei und damit die des Respekts, der Aufrichtigkeit und der Selbsthinterfragung.

*

Nahezu jede Hotline, die man in den letzten Jahren versucht hat, zu kontaktieren, hat dieses Prinzip zur Hochform entwickelt: wenn, um nicht zu sagen falls man irgendwann tatsächlich zu einem lebendigen Mitarbeiter vorgedrungen ist, stößt man auf eine formvollendete Höflichkeit, sieht sich mit seinem Problem verstanden und erhält das Versprechen der Bearbeitung. Dahinter aber spürt und erlebt man in der Folge die Absicht, diese vorgeschaltete „Hotline“ als Kundenabwimmlungsinstrument zu benutzen, deren eigentliche Aufgabe ist, nur diejenigen Fragen, Beschwerden oder Probleme zu einer Stelle durchzulassen, die wirklich Antworten geben könnte, welche so eklatant sind, dass sie bearbeitet werden müssen, um eben: die Form zu wahren. Ich nenne mal die Firma DHL, unseren lieben Paketservice, als leuchtendes Beispiel. Ich trage inzwischen meine Pakete lieber zu Fuß zum Empfänger.

*

Über den Umgang in der Politik brauchen wir in diesem Zusammenhang ja nicht weiter zu reden, interessanter sind die Bereiche, wo wir als „kleine Leute“ selbst unmittelbar involviert sind in diesen „Zug der Zeit“, von dem ich – und da bin ich jetzt schon fast beim „Land meiner Träume – gerne abspringen würde. Die Frage ist eben: wie soll das verletzungsfrei gehen?

*

Gestern jedenfalls – so scheint mir – habe ich einen Übungsschritt dieses Absprungs gemacht, wenn man das so sagen kann.
Der Bereich, in dem das geschah, war eine Arztpraxis. Ich musste mich einem kleinen Eingriff unterziehen und dazu war eine sogenannte Kurznarkose notwendig.
Ich war im Vorgespräch sehr angetan gewesen von Arzt und Helfern, alles war sehr professionell und gleichzeitig freundlich-zugewandt abgelaufen. Auch diesmal, am Tag des Eingriffs, war das zunächst nicht anders gewesen: man kann vielleicht sagen: vergleichsweise weht in dieser Arztpraxis ein guter Geist.

*

Ich bin sehr ruhig an diesem Morgen und irgendwie spüre ich jenseits meiner „Restbedenken“, dass mich hier etwas Neues erwarten würde, wenn ich mit meinem Vertrauen nicht nachlassen würde, dass es eine Freundlichkeit gibt, die jenseits unseres Verhaltens immer anwesend bleibt. Einzige Voraussetzung: ich bin bereit, das so zu sehen. Ich bitte diese Freundlichkeit, mit mir durch diese Situation zu gehen und schaue ganz vertrauensvoll in die nahe Zukunft.

*

Von dem Zeitpunkt an, als eine Schwester mich aufruft und die Tür öffnet zum Behandlungsraum, ändert sich das spürbare Klima schlagartig: Es wird nur noch das Allernotwendigste mit mir gesprochen, kleine Nachfragen meinerseits stoßen auf Ungeduld und erzeugen Missstimmung und den impliziten Vorwurf, einen Vorgang zu stören, der jetzt nun mal ablaufen muss, wie er abzulaufen hat. Fragen nicht mehr erlaubt. Die Freundlichkeit mir gegenüber existiert nur noch in einstudierten Gesten und der dazugehörigen Mimik, alles, was spürbar ist, ist der Wille einer Abwicklungsmaschinerie.

*

Während ich mich weisungsgemäß auf die Liege lege, mir am linken Arm eine Blutdruckmanschette umgelegt und am rechten eine Kanüle eingestochen wird („Es piekt mal!“), denke ich noch: das ist doch okay so, ich will ja auch, dass das hier schnurgerade durchgezogen wird, oder? Aber dann: nein, das ist nicht wahr. Ein nettes Wort hier oder da hätte keinerlei Zeit gekostet und echt geholfen! Ich lasse erst mal meine ungeschminkte Wahrnehmung zu: auch hier wird eigentlich ohne jede Not die Verbindung gekappt, die ich mir vorgenommen habe, bei dieser Gelegenheit aufrechtzuerhalten. Einzig sinnvolle Konsequenz: Dann tu das auch!

*

Während wir auf den Arzt warten, werde ich immer ruhiger von diesem Gedanken. Ich kann vollkommen angstfrei einen Vergleich ziehen, der sich mir aufdrängt:
Die Situation ist formal eindeutig in ihrer Bedeutung: was hier geschieht, soll ja meinem Besten, meiner Gesundheit dienen und bisher hat es keinen Zweifel daran gegeben, dass dem auch so ist.

Was jetzt aber im Hintergrund an Ablehnung jeder Kontaktaufnahme direkt zu spüren ist, unterscheidet die Situation eigentlich nicht wesentlich von einer Hinrichtung: Wir warten auf den, der hereinkommt und mir die Spritze geben wird, die mich ins Nirvana versenkt!
Ich kann also nur die Bilder der Vergangenheit dazu nutzen, die Unterscheidung zu treffen: nein, hier geht es darum, dir eine Hilfe zu sein!
Das reicht ja auch, wenn man nicht grade superneurotisch ist, um ein Grundvertrauen aufrechtzuerhalten.

Mein direktes Erleben muss ich dazu allerdings niederhalten, dem äußeren Eindruck unterstellen, es relativieren und mit großer Anstrengung fernhalten von etwas in mir, das ganz nüchtern feststellen will: nö, nö, das i-s-t hier a-u-c-h eine Hinrichtung! Die immer anwesende Freundlichkeit, die ich im Wartezimmer gebeten habe, mich zu begleiten, soll hier definitiv hingerichtet werden zur Rechtfertigung des eigenen Argumentationsmusters: keine Zeit mehr für Fragen: liefere dich aus!

*

Das Schöne ist: Wenn ich SIE aufrechterhalte, ist SIE im Raum, und zwar für alle! Und das ist meine Ruhe, die mich gelassen über Hinrichtungen nachdenken lässt, während die Schwester die Spritze für die Narkose aufzieht.

*

Der Arzt kommt herein. Entschlossen nähert er sich der Liege und nichts mehr scheint übrig zu sein von seiner Zugewandtheit, die ich im Vorgespräch erlebt hatte: hier liegt Patient X mit Problem Y, Maßnahme Z.
„Wir sprechen nachher noch?“ frage ich ihn, und es ist, als halte ich einen Hundertmeterläufer bei Meter zweiundsiebzig auf, um ihn nach einer Zigarette zu fragen. Verdattert anwortet er: „Ja, also ja, das machen wir.“

*

Und jetzt bin ich also „dran“: Währen der Arzt seine Instrumente checkt, beugt sich die Schwester über mich und steckt die Spritze mit dem Narkosemittel in die Kanüle. In schönster Einstudiertheit flötet sie mir ins Ohr: „Sie werden jetzt schlafen. Denken Sie an was Schönes!“

*

Ich muss eingestehen: dieser Moment war in den vergangenen Tagen der gewesen, der mich in meiner Vorstellung etwas nervös gemacht hatte: ich nehme grundsätzlich, wenn es irgend zu vermeiden ist, keine Medikamente ein und habe keinerlei Erfahrung mit auf das Nervensystem wirksamen Substanzen. Alkohol vertrage ich nicht, schon von den kleinsten Mengen werde ich geschäftsunfähig. Ich war mir einfach nicht sicher, wie ich auf das Zeugs reagieren würde.

Jetzt aber stößt mich die Aufforderung der Schwester in genau die Möglichkeit, um die ich gebeten habe: ich lasse zu, dass sich der Gedanke an SIE einfach auf das Medikament ausdehnt.

Während die Schwester mir also die Spritze gibt, ist dieser Satz in mir: „Stellen sie sich etwas Schönes vor“. Ganz kurz merke ich den Widerstand dagegen: das fand und finde ich immer für mich ungangbar: Blumenwiese, atmende Natur, Umarmung, schön und gut, aber über die Hinrichtbarkeit der Freundlichkeit und Verbundenheit haben mich diese äußerlichen Dinge noch nie hinwegtrösten können.
Und dann ist da wieder: „Dann richte du SIE nicht hin!

Und wirklich zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mir so etwas „Schönes vorstellen“, dass nicht einmal eine tatsächliche Hinrichtung diese Schönheit hätte verschatten können: Ich sehe in der scheinbar totalen Ungewissheit des nächsten Moments, dass sich all unsere Gedanken sozusagen an der Hand haben, in vollkommener Harmonie, und ihre Bedeutung ausschließlich aus der immerwährenden Freundlichkeit und Liebe beziehen, die vollkommen unabhängig von unseren Handlungen, Vorstellungen, Bildern und… ja, unserem Denken bleibt, unverhandelbar, unrelativierbar und bedingungslos … das ist der springende Punkt: in Wahrheit hören wir ja nie auf, MITEINANDER zu denken! Und dieser GEDANKE – das ist, was ich da grade erlebe – ist allen Szenarien immer einen Schritt voraus, weil ER kein Aspekt des Ganzen, sondern das Ganze selbst ist. Was gibt es da noch hinzurichten? Das ist das Land meiner Träume, das Land, auf das all mein Träumen zuläuft: das Wachsein vom Schlaf des Scheinbaren.

*

Und mit diesem wahrhaftig „An-etwas-Schönes-Denken“ wird es still. Dann höre ich meinen Namen und alles ist vorbei, als wäre nichts gewesen.

***

Wahr – Nehmung

Ein Blatt fällt vom Baum und tanzt zur Erde. Ein Kind versucht es lachend zu fangen und erwischt es nicht. Herrlich, diese kleine Zeit, in der das vermeintlich tote Blatt seine letzte Reise unternimmt: so voller Leben. Wie es herumwirbelt, die Richtung ändert, auf einem Windhauch wieder ein Stückchen hochsteigt, um sich gleich wieder fallen zu lassen, bis zum nächsten Luftplateau, der nächsten flüchtigen Bühne für seinen Tanz.

*

Ich denke: so sind Worte, so bewegen sie sich im Geist und lassen ihn aufscheinen, auch wenn sie selbst…

*

…. da liegt das Blatt plötzlich am Boden. Es hat diesen letzten eigenartigen Moment gegeben, wo die Erde scheinbar eine Art Sogwirkung ausgeübt hat und das Leben schlagartig aus dem tanzenden Gebilde gewichen ist: jetzt liegt da ein Ding, ein Blatt.
Wo ist es hin, das Leben? Eben war alles noch Beziehung: zum Baum, zur Luft, auch zur Erde, die immer näherkam, zu dem Kind und dessen Freude, zu mir.
Und jetzt? Beansprucht die Erde das Leben und verlangt es von dem Blatt zurück. Das Ende des Lebens in einer letzten grausamen Beziehung.

*

… auch wenn die Worte selbst nur Hüllen sind, wesenlos, unlebendig.

*

Und dann kommt eine andere Wahrnehmung zu mir: Wie zart das Blatt auf der Erde liegt, als wolle es mich dazu bringen, über mein Urteil über es nachzudenken: ist es wirklich todgeweiht? Kann so eine Liebkosung, wie sie da zwischen Erde und Blatt gerade stattfindet, in den Tod münden? In Zerstörung? Spür ich da nicht die unendliche Geborgenheit, die sich lediglich meinen Augen entzieht, weil sie nicht die Gestalt, die Form, sondern das Leben in ihr birgt?

*

In allem lebt ewig SEIN Gedanke. Und wir, das Kind, der Baum, das Blatt, die Erde, du … wir in IHM. Oh ja, das hätte ich fast vergessen: ich auch, tatsächlich ich auch, jetzt kann ich es glauben, dem Himmel sei Dank für diesen Spiegel! Was für ein lebendiger Athem überall! Alles ist Beziehung … zu Gott.

 

***

Wann.

Auf allen Dingen liegt das Schweigen eines schattenlosen „Ja“,
Dunkle Fragen finden ihre Antwort hier im Kreise seines Lichts,
Aus der Gegenwart kommt alle Liebe her:
Zeit, du schuldest mir nichts!

 

*