Warte mal!

Gestern saß ich in einem Wartezimmer. Und wartete.

Außer mir war niemand da, obwohl es ein großes Wartezimmer war: viele leere Stühle, die auch warteten.

Ein Raum, der den Zweck hatte, in ihm auf etwas warten zu können. Es gab Wasser in Pappbechern. Kostenlos. Ich hatte keinen Durst.
Aber ich war ja doch nicht ganz allein! In die Wand eingelassen: ein Aquarium! Mit Zierfischen. Fische, die zur Zierde einer Wand da waren. In einem Raum, in dem man wartete.

Sie schwammen, was hätten sie anders tun sollen. Und zwar hin und her. Ein wenig auf und ab auch. Manchmal gaben sie plötzlich Gas, nur um sofort wieder langsam zu werden. Langsamkeit schien die angemessenere Geschwindigkeit zu sein für ihren Daseinszweck. So konnte man sie auch besser betrachten.
Sie waren sehr farbenprächtig und formschön. Eine wahre Zierde.
Manche hingen so schräg unter der Wasseroberfläche und schienen Luft zu nippen. Trotz ihrer Kiemen, die sie als Fische – Zierde hin oder her – ja hatten.

Und auch sie warteten. Definitiv! Ich konnte es ganz genau erkennen, dass sie warteten, ohne jeden Zweifel. Sie waren nicht einfach da und zierten, nein, nein! Sie warteten.
Nur auf was. Das konnte ich nicht erkennen.

Ich lächelte einen an, der besonders innig wartend und zierend Luft nippte. Vielleicht wartete er ja darauf, mal angelächelt zu werden. Er lächelte jedenfalls nicht zurück und nippte weiter. War immerhin ein Versuch.

Dann fiel ich in einen Schlaf, aus dem ich, scheint mir, immer noch nicht erwacht bin. Könnte mich mal jemand von euch wachlächeln?

 

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Wunder

Ich kann Dir ein Wunder geben, findest Du das arrogant? vermessen? überheblich?
Lass‘ mich versuchen, zu erklären, was ich meine.

Ich schau‘ auf Dich, und tausendundein Gedanke sind dabei in mir und umkreisen, was ich sehe. Du bist neugeboren, so jung, schön, unschuldig, süß, niedlich, zart, unendlich zart …
… hoffentlich wirst Du einen guten Lebensweg haben … es lauern so viele Gefahren hinter jeder Ecke … aber es wird schon alles gut gehen … die Schwierigkeiten wirst du meistern, ganz sicher, und du wirst Hilfe haben … du wirst auch angefeindet werden, vielleicht warten Krankheiten auf dich, vielleicht aber auch nicht, man kann Glück haben und ja auch viel dafür tun, dass man lange gesund bleibt ….  Du wirst natürlich auch viele Freunde haben und Du wirst einen eigenen Charakter herausbilden, eine Persönlichkeit … hoffentlich wirst Du ein gutes Blatt am Baum des Lebens … eins, das Freude und Frieden in die Welt bringen wird … wir haben’s ja alle so bitter nötig, wir älteren Blätter, die immerzu die alten Fehler wiederholen … auf Dir liegt jetzt die Hoffnung … einen guten Weg wünsch‘ ich Dir, für uns alle …

Ich kann Dir ein Wunder geben.

Indem ich all meine Gedanken still werden lasse, damit Du für einen Moment von ihren Beschränkungen frei sein sollst, und Dich der LIEBE überlasse, aus DER Du kommst, um SIE hierherzubringen, in diese von unseren Gedanken verdunkelte Welt, in der wir an der Erfahrung der Endlichkeit blind geworden sind für das, was wir hier eigentlich WOLLEN.

Ich kann Dir das Wunder geben, SIE, die QUELLE meiner Gedanken für einen Moment zu uns einzuladen, und Dich damit in dem, was Du hier wahrhaft WILLST, nicht zu unterbrechen.

Ich kann Dich lieben, JETZT.

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Happy birthday!

Ich bin hiermit so frei, mir tapfer zum s-e-c-h-z-i-g-sten Geburtstag – (in Ziffern: 6-0 … das ist – in aller Demut und Bescheidenheit – deutlich unter Hundert!) zu gratulieren und anlässlich dieses denkwürdigen Ereignisses meine ewige Jugend zu feiern, wobei ich euch herzlich einlade, zur angemessenen Würdigung dieser für mich typischerweise in Versen ausgedrückten – jedenfalls extra und nur euch zuliebe nicht in überlangen Sätzen gestrickten („stricken“:  altersgemäßer und gendertauglicher Begriff!) –  Hervorhebung jenes möglicherweise in Aspekten scheinbar einen gewissen Abwärtstrend anzeigenden Jahrestages mittels wohlwollenden Wahrnehmens der folgenden Zeilen beizutragen. Sollte euch hier schon oder bereits bei der ZAHL, die irgendwas „über dreißig“ ist, der Athem ausgegangen sein, empfehle ich, das Fenster zu öffnen, tief durchzuatmen und die Sache zu vergessen. Ich würde es dann im nächsten Jahr noch mal mit euch versuchen. Ich weise allerdings darauf hin, dass damit für diesmal die seltene Gelegenheit verpasst wäre, ein Gedicht von mir zu lesen, das sich (fast) nicht reimt und insofern quasi interaktiv ist, indem ihr es euch selbst zusammenreimen oder euch einen eigenen Reim drauf machen könnt!
Herzlichen Glückwunsch euch allen zu meinem Geburtstag!

 

In mir ist ein Kind

In mir ist ein Kind,
Ich traf es neulich erst,
Da drüben war’s: im Park,
In Deiner Träne an,
Die Du mir …
… es kann ein Lächeln auch gewesen sein,
Das Du mir schenktest im Vertrau’n.

Wie lang‘ hab‘ ich nach Dir gesucht,
Und weite Reisen unternommen,
In jedem Menschen, den ich traf, war Hoffnung,
Dich zu finden, nur um erneut zu schwinden,
Wenn wieder er und wieder ging …
Verstehen sollt‘ ich, dass die Zeit des Kindseins sei vorüber,
Und sollt‘ im Spiegel schauen, wer ich sei.

Und fand mich nicht.

Doch in mir ist ein Kind,
Das von den Schmerzen meiner Reise nie gewusst,
Und bei mir war all diese Zeit,
Bis ich sein Klopfen hören würde an mein Fenster,
Durch das sein Lächeln endlich zu mir kam
Und aller Tränen Ziel und Sinn:
Das Kind, das ich mit Dir gemeinsam BIN.

 

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Rezension: „Verzeihen ist die größte Heilung“ von Gerald G. Jampolsky

Verzeihen ist heilsam. Das ist die Formel, nach der dieses Buch geschrieben ist und deren Anwendung zu der überraschenden Erkenntnis führt: vor allem für den, der verzeiht!

Gerald (Jerry) Jampolsky wirbt in „Verzeihen ist die größte Heilung“ für dieses universelle Heilmittel mit der überzeugten Leidenschaft desjenigen, der dessen Wirkung „am eigenen Leib“ erfahren hat, wie man so leichtfertig sagt, ohne noch hingeschaut zu haben, wo genau sich diese Wirkung tatsächlich entfaltet.

Von der Heilung unserer grundsätzlichen Angst ist hier die Rede, getrennt voneinander dem Schicksal und letztlich dem Tod ausgeliefert zu sein. Der Heilung geht die Diagnose des Knotens in unserer Brust voraus, der uns daran hindert, diese krankmachende Angst einfach loszulassen: es ist der Gedanke der Schuld, mit dem wir unser Denken über das, was die Welt ist und was wir sind, krampfhaft zusammenhalten.

Jeder gute Heiler hat ein Grundgesetz der Heilung akzeptiert: dass er sich selbst der Heilung aussetzen muss, wenn er heilen will. Mit großer Offenherzigkeit blättert Jerry Jampolsky die wesentlichen Stationen seiner eigenen Heilung vor uns auf:

Als er sich in den 1970-er Jahren nach zwanzigjähriger Ehe von seiner ersten Frau trennt, reißt ihn das in eine tiefe Krise, zu viel gegenseitige Vorwürfe, Schuldgefühle und Aggressionen werden da mitgenommen in die plötzliche Getrenntheit. Der Alkohol soll helfen und erweist sich wie immer als Beelzebub, der alles nur noch schlimmer macht. Aber da ist Jerry als Arzt und Psychiater, der intuitiv genau weiß, was Verwundungen heilt, längst auf der Suche nach einem Heilmittel, das ihm wirklich helfen kann. Er findet zu einem umfangreichen spirituellen Lehrwerk, dem „Kurs in Wundern“ (Greuthof-Verlag), mit deren Verfassern Helen Shucman und William Thetford er befreundet ist und als dessen erster ernsthafter Student er wohl gelten kann.
Es ist, als habe er nur auf diesen „Schlüssel zum inneren Frieden“ gewartet, den ihm der Kurs in die Hand legt, und er wendet ihn sofort auf seine Situation an. Es gelingt ihm mit dessen Hilfe nach und nach, seine Gedanken der Schuld von seiner geschiedenen Frau zu nehmen und sie als ein selbst nach Liebe rufendes und liebendes Wesen zu sehen und zu erfahren.

Die beiden nähern sich sofort wieder an und entwickeln eine neue Freundschaft. In Jerry ist der Graben der Angst vor Verurteilung und Schuldzuweisung zwischen ihnen nachhaltig geheilt.

Ein weiteres Erlebnis prägt ihn in dieser Zeit, wie wir aus anderen Veröffentlichungen von ihm wissen: als er im Krankenhaus ein sterbenskrankes Kind dessen Arzt fragen hört, wie das denn sei, das Sterben – und erlebt, wie der Arzt aus Angst und Unsicherheit mit diesem Thema die Frage einfach übergeht, hat er die Idee, solchen Kindern und ihren Angehörigen die Möglichkeit zu geben, zusammenzukommen und über die für sie so existenziell wichtigen Themen in einer liebevollen Atmosphäre zu sprechen.
Inzwischen gibt es weltweit über einhundert Zentren des „Attitudinal Healing“ (Heilung der inneren Einstellung), die solche Gruppen zur Heilung der inneren Einstellung in allen Lebensbereichen organisieren.

Mit der Vision, seine Erfahrungen mit „Vergebung“ in Anlehnung an den „Kurs in Wundern“ ohne dessen komplexe Metaphysik und christliche Terminologie allen Menschen zugänglich zu machen, schreibt Jerry 1979 das kleine Büchlein „Lieben heißt die Angst verlieren“, in dem er zeigt, dass er bereits nach kurzem Studium auf den Grund des „Kurs in Wundern“ getaucht ist, um dessen Perle mitzubringen, die Botschaft nämlich, dass wir in jeder Situation die Wahl haben, die Dinge in Liebe oder in Angst anzusehen.

Mit „Verzeihen ist die größte Heilung“, schreibt er zwanzig Jahre später den „großen Bruder“ von „Liebe heißt die Angst verlieren“. Jetzt rückt die Voraussetzung dafür, „in Liebe“ schauen zu können, in den Fokus: die Vergebung oder „das Verzeihen“, wie Jerry lieber sagt. Auch in der Wortwahl ist er immer am Pragmatischen, Umsetzbaren orientiert und weniger an einem metaphysischen Denkgebäude, von dem er weiß, dass er es nicht mit allen teilen kann.

Dennoch unterscheidet sich dieses Buch von Jerrys Erstling in Sachen „Liebe“ auch dadurch, dass er darin nicht ganz auf das Wort „Gott“ verzichtet, auch wenn ihm bewusst ist, wie viele irreleitenden Assoziationen auf diesem Wort lasten. Auch bezeichnet er hier den Menschen als ein „spirituelles Wesen, das vorübergehend in einem Körper wohnt“. Das wird notwendig, um überhaupt die Dimension der Vergebung oder des Verzeihens, wie es hier gemeint ist, aufzeigen zu können.

Wir haben die Wahl, zu lieben statt zu urteilen, indem wir unsere eigenen Gedanken, die sich um die Schuld ranken, von einem anderen Menschen oder von speziellen Ereignissen, Erinnerungen oder Situationen herunternehmen, unabhängig davon, wie diese sich gerade äußerlich darstellen und damit einen umfassenden FRIEDEN einladen, SEIN WORT mitzusprechen.
Das zu können, setzt aber wenigstens den Funken eines Vertrauens voraus, dass wir IM GEIST und IN DER LIEBE EINS SIND, sonst wäre dieser Schritt das, was uns unser Ego lautstark weismachen will: blanke Unvernunft und Schwäche.

Mit diesem kleinen Kredit aber, den wir einer allumfassenden LIEBE geben, kommen wir zu solchen Erfahrungen, wie sie Jerry Jampolsky schildert. Und dieses Buch, so schmal es ist, ist voller solcher heilsamer Erfahrungen, die Jerry gemeinsam mit seiner Frau  Diane Cirincione nicht müde wird zu sammeln, um mit ihnen zu überzeugen – von innen heraus, ohne komplizierte Theorie.

Ein Höhepunkt des Buches ist für mich das Gedicht von Diane („Könnte ich ein Stück mit dir gehen, Papa“), die darin ihrem verstorbenen Vater, der kein einfacher Mensch war und viel Konflikt schürte zu Lebzeiten, vollständig vergibt und ihn aus ihren schuldbelastenden Gedanken entlässt, ziehen lässt in das LICHT der LIEBE, das auch seines IST. Dies Gedicht allein ist ein Juwel authentischer Erfahrung mit dem Verzeihen und überzeugt eindrucksvoll von der Wirksamkeit dieses so einfachen und doch so ängstlich gescheuten Heilmittels.

Herzlichen Dank, Jerry Jampolsky und Diane Cirincione, einfach für euer Dasein und euer Beispiel. Wir sind niemals allein.

Michael Feuser

 

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